Das Ganze wurde immer größer, am Ende drehten wir fast durch. Mit mir 90 Prozent.

Vielleicht hätten wir mit Mit mir 90 Prozent noch mehr erreicht, wenn Twitter sich einen Monat früher dazu entschieden hätte, 280 statt 140 Zeichen in den Testlauf zu schicken. Dann hätte US-Präsident Donald Trump doppelt so viel Platz gehabt, seine Gedanken zu formulieren. Und unsere Wahlbeteiligung hochgetrieben.

Aber verfangen wir uns nicht in dieser Thematik, auch wenn sie viele interessante Gedankenspiele bereithält. Wir gehören übrigens nicht zum Kreis der auserwählten Tester und können nach wie vor nur 140 Zeichen twittern.

Mit mir 90 Prozent? Naja, 76,2 Prozent.

Kommen wir zum Thema. Wir haben uns über Monate hinweg für die politische Wahlaufruf-Kampagne Mit mir 90 Prozent engagiert. Wir waren höchst erfolgreich. Trotzdem haben wir das Ziel verfehlt. Insgeheim hatten wir auf 80 Prozent Wahlbeteiligung gehofft. Die Initiatoren des Ganzen (neben der Ministry Group weitere Kreative — Michael Trautmann, Benedikt Holtappels, Johannes Erler, Alexander Baron — sowie Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis und Stern-Herausgeber Andreas Petzold) haben intern sogar ein Tippspiel veranstaltet. Im Schnitt waren alle optimistisch — und kamen so auf geschätzte 80,98% Wahlbeteiligung. Zuallererst müssen wir aber einer Person danken, die uns mit an Bord geholt hat: Daniela Kunde. Eine höllische Projektmanagerin. Kennt ihr diese Personen, die selber kommentarlos schuften, gleichzeitig aber alle anderen in den Himmel loben? So eine ist sie. Großartig.

Der Gewinner dieser Tipprunde bekommt übrigens eine Flasche Gin für die heutige Mit mir 90 Prozent-After-Wahl-Party. Zu unserer Schande müssen wir sagen, dass jemand von Ministry, dessen Name nicht genannt werden darf, mit seinem Tipp gewonnen hat. Na gut, zugegeben: Das war ich selbst. Zu meiner Verteidigung: Ich tippe sogar gegen den HSV, obwohl ich ihn liebe. Oder hat es das jetzt noch verschlimmert? Egal! Auch das ist Demokratie! 

Aber von vorn. Zitieren wir aus der Pressemitteilung:

Die private Initiative Mit mir 90 Prozent hat das ehrgeizige Ziel, die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl am 24. September auf mindestens 90 Prozent anzuheben. […] Die Kampagne startet mit den Hashtags #machdeinkreuz und #mitmir90prozent am 1. September 2017 in den bekanntesten sozialen Medien.”

Obwohl wir die 90 Prozent verfehlt haben, ging die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2013 doch immerhin um 4,7 Prozentpunkte hoch. Das sind — von knapp 61,5 Millionen Wahlberechtigten ausgegangen — fast drei Millionen Menschen, die zusätzlich ihre Stimme abgegeben haben.

So viele Leute konnten wir mit „Mit mir 90 Prozent“ allein durch Facebook im vergangenen Monat erreichen:

Eine Übersicht der Reichweite, die der Facebook-Account von Mit mir 90 Prozent erzielt hat. Knapp 2 Millionen.
Eine Reichweite von fast zwei Millionen. Nicht schlecht, aber offensichtlich nicht genug.

Dazu kommen Twitter, Instagram, dutzende Zeitungsanzeigen, Radiospots, Fernsehauftritte, unsere eigene Homepage und die Reichweite von Influencern. Joko Winterscheidt, Linda Zervakis oder Udo Walz.

Video? Hier! Homepage? Hier! PR? Hier!

Wir von Ministry waren von Anfang an dabei. Neben vielen weiteren großartigen Menschen, die sich beteiligt haben, übernahmen wir ehrenamtlich die meisten technischen und agenturseitigen Aufgaben. Homepage, Grafiken, gewisse Teile der PR und Foto-/Videoproduktion stammen von uns.

Beispiel:

Besonders viel Spaß hatten wir beim Politik-Pitch im Cinemaxx Dammtor.

Dort traten die Hamburger Parteivorsitzenden der CDU, SPD, Linken, Grünen und der AfD gegeneinander an, um vor knapp 400 Agenturmitarbeitern zu überzeugen.

Das war in der Tat nicht einfach für die Politiker (u.a. Katja Suding und Dorothee Martin). Denn: Pitches sind zwar eigentlich ein Unding (teuer, zeitaufwendig, lenken vom Tagesgeschäft ab), trotzdem sind sie genau unser Gebiet. Und an dieser Stelle durchaus angebracht. Fiese Fragen, kritische Stimmen und wohlüberlegte Auseinandersetzungen. Das war einfach cool. Deshalb haben wir das Ganze auch live gestreamt.

GIF des Politik-Pitches.
6ft Rabbit Productions / Ministry Group hat den Politik-Pitch gestreamt.

Unsere Freunde von Delta Radio (danke Gesa!) haben uns mit „offenen Armen empfangen“ und uns sogar zweimal in einem redaktionellen Beitrag gesendet.

Udo Walz lud nach Berlin ein. Vor Ort haben wir nicht nur ein Fotoshooting mit ihm durchgezogen, ein Behind the Scenes gedreht, sondern auch Angela Merkels Frisur hinterfragt.

Wie viele Menschen haben wir also insgesamt erreicht? Und wie viele konnten wir “berühren”? Unmöglich, zu sagen. Aber eines steht fest: Unser interner Mailverlauf würde in ausgedruckter Form 1200m² Fläche bedecken. Unser Messenger-Verlauf hat, auf einem 5,5”-Bildschirm dargestellt, eine Länge von 29,5 Metern. Ja, an der einen oder anderen Stelle haben wir vielleicht etwas gespammt. Und natürlich wurden unsere Kommentare mal von Euphorie, mal von Enttäuschung getragen. So was kommt schon mal vor — vor allem aber kommt so schon mal was zusammen.

Die Kampagne war ein Erfolg.

Wir haben uns wöchentlich getroffen, um Ideen und Taktik zu besprechen. War es zu Beginn noch schwierig, den Stein ins Rollen zu bekommen, lief es am Ende fast von selbst. Beispiel: Wir haben den FC St. Pauli zum Mitmachen bewegt. Die Folge war, dass auch der HSV, Bremen, Gladbach und Dortmund Mit mir 90 Prozent unterstützt haben.

Ein Wahlplakat der FDP, umgestaltet ins BVB-Design.
Mit mir 90 Prozent — auch der BVB war am Start.

Und so ging es immer weiter, aus allen möglichen Richtungen taten sich Unterstützer auf. Frank Otto (u.a. Chef von dutzenden Radiosendern), Joko Winterscheidt, Snapchat, dutzende Printmedien (Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch Leitmedien) … schließlich hat sich Mark Benecke ein Wahlkreuzchen tätowieren lassen, er hat #machdeinkreuz sehr ernst genommen. Immerhin muss er es in vier Jahren nicht erneut setzen, dann ist es ja noch da. Clever. 😉

Irgendwann sind wir auch bei “Das Beste aus Social Media” gelandet. Höchst amüsant!

Unsere Jungs und Mädels von 6ft Rabbit Productions (Foto/Video) haben sich übrigens ziemlich gefreut, als sie sich plötzlich im Spot von Vodafone Deutschland entdeckt haben (ab Sekunde 33) …

Das Ganze ging viral. Und wir drehten fast durch.

Eine tolle Zeit, die kein Beteiligter von Mit mir 90 Prozent so schnell vergessen wird. Ja, auch, weil es verdammt anstrengend war. Aber wir sind uns stets treu geblieben, wurden nicht parteiisch. Inspirierende, berühmte oder ganz einfach höchst motivierte Menschen — wir hatten sie alle. Danke, dass wir dabei sein und unseren Teil beitragen durften. Heute Abend wird gefeiert. (Foto folgt, wenn es das Motiv zulässt. Immerhin haben wir ja den Gin gewonnen … )

Was lernen wir aus dieser ganzen Geschichte?

Eine gute Idee kann etwas bewirken. Unser Ziel war bewusst zu hoch angesetzt. Dennoch haben wir Meilensteine erreicht, die zu Beginn unendlich weit weg erschienen. Letztendlich ist aber mal wieder klar, dass Likes die Welt nicht verändern. Unsere politische Landschaft ist dermaßen groß. Es gibt unzählige Meinungen und so viele Themen, dass man sie niemals alle ansprechen könnte. Selbst als unparteiische Initiative nicht. Die Hürde, einem Mausklick auch Taten folgen zu lassen, ist groß. Deshalb müssen wir uns für die nächste Bundestagswahl noch coolere Sachen ausdenken.

Das geht natürlich nur, falls Trump bis dahin nicht die 280 Twitter-Zeichen zur Verfügung hat.

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