Wie Integration gelingen kann: Hackerschool — zuerst cool, jetzt auch nachhaltig

Job, Doktorarbeit, Ehrenamt und Kinder. Da ist der Tag irgendwann auch mal rum. Julia Freudenberg ist ein Multitalent. Oder eher: ständig unter Strom. Gestresst wirkt sie trotzdem nicht, als sie am Mittwoch vor dem G20-Gipfel zur Ministry Group kommt, um sich vorzustellen. Etwas über 1,70 Meter groß, kurze braune Haare, ihre Tochter Laura an der Hand. Drei Jahre alt. Beide sind mit dem Fahrrad in die Speicherstadt gefahren: „Bahnverkehr ging heute gar nicht.” Julia ist die neue und erste Festangestellte der Hackerschool — sie wird Kids, Geflüchtete und Unternehmen zusammenbringen, um ein nachhaltiges Projekt großzuziehen. Ein Spagat oder ein Meisterwerk? Sicherlich beides.

Die Hackerschool wurde vor einigen Jahren von der Ministry Group ins Leben gerufen, als Informatik in Hamburg aus dem Curriculum gestrichen wurde. „Jetzt mal ehrlich”, sagt Julia, als sie sich aufs graumelierte Agentur-Sofa setzt. Laura stellt sie neben sich auf ein Kissen. „Überall mangelt es an IT-Fachkräften. Und in der Schule ist Programmieren nur noch Wahlfach.” Dementsprechend war es das Ziel der Ministry-CEOs Andreas Ollmann und David Cummins, Kinder spielend an das Thema heranzuführen. An dieser Stelle sei die Plattitüde erlaubt: Kinder sind ganz einfach die Zukunft.

Kinder experimentieren motiviert bei der Hackerschool
Die Kids sind voll motiviert und entwickeln eigene Programme.

Ein ambitioniertes Projekt

Doch dieses Konzept der Hackerschool wird nun erweitert. Zwar konnte das Projekt auch bisher schon erstaunliche Aufmerksamkeit generieren, künftig wird die School aber erheblich nachhaltiger agieren. Kinder haben Spaß an IT, Geflüchtete werden in den Arbeitsmarkt integriert und Firmen erhalten die Möglichkeit, offene Stellen mit Experten zu besetzen. Das ist das ambitionierte Ziel. Da wollen alle Beteiligten hin. „Klingt kompliziert, ist es auch.”

Laura krabbelt auf Julias Schoß, zieht an ihrer Kette. „Die ist zu groß. Nein, zu klein”, sagt sie. Julia ignoriert es mit einem Lächeln, nimmt sanft die Hand ihrer Tochter und rettet somit den Halsschmuck. Als Entschuldigung gibt es einen Stups mit dem Finger auf die Nasenspitze. Laura kichert und dreht sich aufs Sofa, mit dem Bauch voran.

Eine Hackerschool-Veranstaltung dauert je ein Wochenende. Dabei kommen zehn Kinder auf zwei “Inspirierer”, die fundierte IT-Kenntnisse und eine erhebliche Portion Enthusiasmus mitbringen. Der Haupt-Inspirierer kommt aus der Wirtschaft, der zweite wird ein Geflüchteter mit entsprechenden Vorkenntnissen sein. „Letzterer soll ein Praktikum beim Unternehmen des anderen erhalten. Dort werden nicht nur Kontakte geknüpft, es wird auch das Programm der Hackerschool vorbereitet. Wenn alles nach Plan läuft, werden am Ende nicht nur die Kids etwas lernen, es springt vielleicht auch noch ein Job oder eine Ausbildung für den Co-Inspirer dabei heraus. Das Matching zwischen Haupt- und Co-Inspirer soll so gut sein, dass eine anschließende Zusammenarbeit der beiden die Regel statt die Ausnahme ist”, sagt die gebürtige Hamburgerin aus Rahlstedt.

 

Schaubild des Konzepts der Hackerschool
Wie funktioniert die Hackerschool? Ist doch ganz einfach … 😉

Warum die Hackerschool jemanden wie Julia dringend benötigt

Julia selbst ist keine IT-Expertin — das wäre vermutlich zu viel des Guten. „Aber mein Mann ist IT-ler. Wenn ich Fragen habe, stelle ich sie ihm”, sagt sie, zwinkert und trinkt einen Schluck Wasser aus der PET-Flasche. Das bodentiefe Fenster des Ministry-Eingangsbereichs steht auf Kipp, draußen fliegen kreischende Möwen vorbei. Was Julia trotzdem zur perfekten Kandidatin für die Hackerschool macht: Sie schreibt eine Doktorarbeit über die berufliche Integration von Geflüchteten.

Unter anderem unterstützt sie diese dabei, ihre Lebensläufe vernünftig aufzusetzen und Kontakte zu knüpfen. Sprich: Bei ihr kommen drei essentielle Dinge zusammen. 19 Jahre Erfahrung in der Wirtschaft, drei Jahre Integrationsarbeit und der tiefe Einblick in die Skills, die Geflüchtete mitbringen. Ohne ihr Know-How wäre das Ganze nicht möglich.

Das Sofa im Eingangsbereich der Ministry Group ist groß genug für sechs Personen. Das entdeckt in diesem Moment auch Laura. Sie robbt auf der Lehne von links nach rechts, manchmal schaut sie auch unter dem Tisch hervor. Besonders hat es ihr der Windschutz des Diktiergerätes angetan, das dort herumliegt: „Sieht aus wie eine kleine Maus”, sagt die kleine Maus. Julias Blick verfolgt ihren Nachwuchs aufmerksam — dennoch verliert sie nie den roten Faden. Selbst, als ihre Tochter von der Lehne plumpst und Julia sie routiniert auffängt (mit einer Hand!), spricht sie ungerührt weiter, allerdings mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Auf Nachfrage sagt sie: „Ja, das ist so üblich bei ihr. Ich bin gut im Kinder-Auffangen.”

Die Hackerschool will Geflüchtete in die deutsche Wirtschaft integrieren
Integration steht Deutschland gut. Die Hackerschool will dabei helfen.

Von „einfach cool“ zu „verdammt cool und nachhaltig“

Andreas Ollmann, einer der vier CEOs der Ministry Group, hat Julia über ein “flüchtlingsfreundliches” Netzwerk kennengelernt. In einer gemeinsamen Heimfahrt im Zug haben sie sich über das neue, erweiterte Konzept der Hackerschool ausgetauscht. Dass es eine große Schnittmenge gibt, erkannten beide schnell. „Total cool. Drei gesellschaftliche Themen — IT-Bildung, Fachkräftemangel und Integration — werden hiermit angesprochen und für alle gibt es einen Lösungsansatz. Profisportler machen ihr Hobby zum Beruf — ich hiermit ebenfalls”, sagt Julia.

Aber hinter all dem Nutzen für die Allgemeinheit steht auch ein sehr persönlicher Wunsch von ihr dahinter: „Ich will meinen beiden Kindern etwas Wichtiges vorleben. Nämlich, was es bedeutet, sich auch ohne finanzielles Interesse für Menschen zu engagieren, denen es nicht so gut geht wie uns.” Mittlerweile liegt Laura wieder auf der Sofalehne, Julia umfasst mit ihrer Hand das Bein der Dreijährigen. Sicher ist sicher.

„Das Projekt gibt mir einfach so viel zurück”, sagt sie. „Die Menschen stecken teils in einer richtig großen Krise. Viele von uns können es sich nicht vorstellen, was es bedeutet, sich seines Lebens nicht sicher zu sein. Oder seinen Kindern keine Zukunft gestalten zu können.” Deshalb sei es nicht nur eine Herausforderung, sondern vor allem eine Chance, dass der Zulauf an Geflüchteten in den vergangenen Jahren so groß war. Julia legt den Kopf leicht schief, schaut auf das Wasser und die kreischenden Möwen. „Wer hat denn schon mal statt über  ganz einfach mit einem Geflüchteten gesprochen? Mein Horizont hat sich davon maßgeblich erweitert und der Blick auf mein eigenes Leben ist geschärft.”

In Qingdao und Paris hat Julia die Hackerschool vor der UNESCO präsentiert.
In Qingdao und Paris hat Julia die Hackerschool vor der UNESCO präsentiert.

Im kleinen Maßstab Großes schaffen

Deutschland könne von Arbeitskräften profitieren, die tatsächlich Lust haben, etwas zu bewegen. „Eine Menge Leute hier sind einfach satt. Wir haben doch fast alles. Viele Geflüchtete sind aber heiß drauf, etwas zu bewegen und ihre Zukunft mitzugestalten. Wir müssen ihnen nur die Chance dazu geben. Und genau das tun wir bei der Hackerschool.

Für das neue Konzept wurde die School in diesem Jahr übrigens schon nach Paris und Qingdao (China) eingeladen. Ziel: bei der UNESCO über die digitale Integration Geflüchteter sowie über das Inspirieren von Kindern zu berichten. Julia war bei diesen Treffen als Speakerin vor Ort.

Wie genau die Idee des “nachhaltigeren” Projekts entstand, ist hier nachzulesen: KLICK!

 

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